Geschichte begreifen und Verantwortung übernehmen!
Stolperstein-Verlegung in Brakel mit Zweitzeugengespräch in unserer Schule mit Frau Wittmann, Tochter des Holocaust-Überlebenden Hartwig Stein aus Brakel
Brakel. Im Rahmen einer Stolperstein-Verlegung setzten sich Schülerinnen und Schüler unserer EF und Q1 (Jahrgang 11 und 12) eindrucksvoll mit der Geschichte der Familie Stein in Brakel und den Verbrechen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft auseinander.
In selbstverfassten literarischen Texten näherten sie sich der Geschichte der Familie Stein sensibel und kreativ an, verliehen dem Schicksal von Hartwig Stein eine Stimme und machten deutlich, wie sehr Vergangenheit bis in die Gegenwart wirkt. Ergänzt wurden die Gedichte und Reflexionen durch selbstgestaltete Plakate und Blackout-Poetry, die verdichtete Gedanken, Fragen und Emotionen sichtbar machten. In kurzen Beiträgen reflektierten die Schülerinnen und Schüler zudem die Bedeutung von Erinnern und Gedenken an die NS-Zeit für junge Menschen heute – zwischen historischer Verantwortung, persönlicher Betroffenheit und der Frage, wie Erinnerungskultur lebendig bleiben kann.
Neben dem Schicksal der Familie Stein wurde auch ein Stolperstein für Eva Lefebre am Nachbarhaus ins Straßenpflaster aufgenommen. Heute wissen wir nicht mehr viel über die junge Frau. Nur, dass sie 1924 geboren wurde und bis 1939 in Brakel wohnhaft war. Dann floh das Mädchen im Alter von 15 Jahren in die Niederlande. Weil sie Jüdin war, wurde sie verfolgt. 1942 wurde sie trotz ihrer Flucht von den Nazis verhaftet und noch im selben Jahr, am 18. September, im Konzentrationslager in Ausschwitz ermordet. Eva Lefebre wurde nur 18 Jahre alt. Am 8. Mai dieses Jahres hat ihr der Brakeler Heimat- und Museumsverein ein Denkmal gesetzt, denn vor dem Haus, Ennebudiek 3, erinnert nun ein kleiner, goldener Stolperstein an die junge Braklerin.
Im Gedenken an die Mitglieder der Familie Stein, die ehemaligen Bewohner des Wohnhauses Königstraße 2 in Brakel, wurden 10 weitere Stolpersteine verlegt. Initiiert wurde die Aktion erneut vom Brakeler Heimat- und Museumsverein e.V. unter der Leitung von Arbeitskreisleiter Michael Markus.
Auf den Steinen wurden jeweils die Schicksale der ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohner festgehalten. Alle mussten Brakel verlassen, das Wohnhaus war im Zuge der “Arisierung” zum symbolischen Preis von 1 Reichsmark erzwungenermaßen verkauft worden. Einige ehemalige Bewohner der Familie Stein wurden durch die Nazis ermordet. Wilhelm und Rudolf Stein waren noch kleine Kinder und überlebten dank fremder Hilfe in einem Kinderheim in Bielefeld. Anderen gelang die Flucht ins Ausland.
Hartwig Stein, geboren 1907, wurde 1938 von den Nazis verhaftet, 1942 kam er ins Konzentrationslager Buchenwald. Von dort kam er ins Ghetto nach Theresienstadt. Von dort sollte er eigentlich 1945 kurz vor Kriegsende noch zur Ermordung ins KZ von Ausschwitz transportiert werden, doch ihm gelang die Flucht. Bis zur Kapitulation der Nazis hielt er sich versteckt, dann kehrte er nach Brakel zurück. Eine Tatsache, die unsere Schülerinnen und Schüler sehr bewegte: Wie muss sich das anfühlen, zurückzukehren? In eine Gemeinschaft, die einen zuvor entrechtet und ausgestoßen hatte?
Hartwig Stein heiratete in Brakel die Katholikin Lisa Poppel, 1946 kam die gemeinsame Tochter Claudia zur Welt. Claudia Wittmann, geborene Stein, war in ihrem Berufsleben als Auslandskorrespondentin tätig gewesen. Privat hat sie die Geschichte ihrer Familie recherchiert und berichtete während der Gedenkfeier mit Stolperstein-Verlegung bewegende Szenen über den Verbleib ihrer Familie während des zweiten Weltkrieges und danach.
Im Anschluss an die Feierlichkeiten, an denen rund 100 Besucherinnen und Besucher teilnahmen, nahm sich Frau Wittmann die Zeit, mit den Schülerinnen und Schülern der Gesamtschule in den Räumen der Schule ein “Zweitzeugengespräch” zu führen und zahlreiche Fragen zu ihrer Familiengeschichte zu beantworten. Gleichzeitig zeigte sie sich sehr beeindruckt von unseren Schülerinnen und Schülern, die die Gedenkfeier mit ihren selbst verfassten Beiträgen sehr bewegend mitgestaltet hatten.
Im intensiven Austausch mit den Schülerinnen und Schülern der EF und der Q1 berichtete sie von der Verfolgungsgeschichte ihres Vaters, von ihrer eigenen Kindheit sowie von persönlichen Erinnerungen an ihn und ihre Familie. Thematisiert wurden auch die Zeit nach 1945, die Erfahrungen der Nachkriegsjahre, die Bedeutung von Religion und Identität sowie der Umgang mit der Vergangenheit in der Bundesrepublik Deutschland. Offen sprach die Zeitzeugin der zweiten Generation über ihre Haltung zur Erinnerungskultur und nahm Stellung zur Kritik an den Stolpersteinen.
Das Gespräch machte deutlich, wie wertvoll direkte Begegnungen und persönliche Erzählungen für historisches Lernen sind. Die Schülerinnen und Schüler hörten aufmerksam zu, stellten reflektierte Fragen und brachten eigene Gedanken ein. So wurde Erinnerung nicht nur vermittelt, sondern gemeinsam gestaltet – als Auftrag, aus der Geschichte zu lernen und Verantwortung für eine demokratische, menschenwürdige Zukunft zu übernehmen.
Michael Markus dankte am Ende der Stolperstein-Verlegung unseren Schülerinnen und Schülern sehr herzlich für ihre Beiträge. Weiter sagte der Arbeitskreisleiter des Brakeler Heimat- und Museumsvereins: “Ich danke Ihnen für Ihr Kommen und Ihre Aufmerksamkeit an diesem 8. Mai – einem Tag, der uns mahnt, was geschenen kann, wenn Menschenwürde verloren geht, und der uns zugleich daran erinnert, dass Befreiung immer auch Verpflichtung bedeutet. (…) Die Stolpersteine, die wir heute verlegt haben, sind kleine Zeichen im Straßenbild, aber große Zeichen im Gedächtnis unserer Stadt. Lassen Sie uns die Geschichten dieser Menschen weitertragen – in unseren Gesprächen, in unseren Familien, in unserem Alltag.”
Im Anschluss lud er zur nächsten Stolperstein-Verlegung ein, diese wird am Fr., 03. Juli 2026 unter Mitwirkung der Schülerinnen und Schüler des Kolping Berufsbildungswerkes gestaltet. Beginn ist um 11 Uhr in der Klöckerstr. 6 in Brakel.
Beiträge unserer Schülerinnen und Schüler, vorgetragen auf der Gedenkstunde mit Stolperstein-Verlegung am 8. Mai:






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Weitere Eindrücke vom 08.05.2026
Fotos und Texte: U. Happe, C. Daldrup, Berichterstattung der Neuen Westfälischen/ B. Battran, M. Markus, C. Wittmann
